INTERVIEW

Sven im Interview mit Didi von Boppin´B

Boppin´B   Boppin´B -

Drehen wir ein bisschen an der Uhr und begeben uns in das Jahr 1985. Ein Jahr, geprägt von Wackersdorf und Lindenstraße, Gorbatschow und Schwarzwaldklinik. Welche Erinnerungen verbindet ihr persönlich mit diesem, eurem (Gründungs-) Jahr?
Schöne Assoziationskette, die du da aufgezählt hast, und irgendwie alles auch Rock’n’Roll (zumindest im allerweitesten Sinne), aber zum Gründungsjahr von Boppin’B fällt mir eher ein, das meine erste Freundin in diesem Jahr mit mir Schluß gemacht hat. Aber es gab natürlich auch noch ne Menge andere wichtige Sachen, wie z.B. "Shout’ von "Tears for Fears’, das war der Monsterhit in dem Jahr (zumindest für mich, denn damals war ich noch so richtig geprägt von der elektronischen Popmusik, aber in meinem musikalischen Horizont gab es auch den Ska von Madness und den Specials, die Red Hot Chili Peppers fand ich vollkommen Freakig-Funkig).
Zwei Jahre zuvor hatten sich drei Typen mit einem Monster-Auftritt beim Rockpalast-Festival in mein Herz gespielt. Nach dem ich die "Stray Cats"’ gesehen hatte, wusste ich, wo der Punk auch seine rohe Energie her hatte: Aus dem Rockabilly und Rock’n’Roll der Fünfziger, und zwar nicht vom Weichspüler-Sound von Pat Boone oder Fabian sondern von Little Richard oder Johnny Burnett. Und auf einem Schulfest eines Aschaffenburger Gymnasiums haben vier Typen genau diesen Sound gespielt, das war schon cool, wobei ich das damals natürlich noch nicht zugeben durfte, denn ich hab damals noch in einer New Wave-Band gespielt, und wir waren ja viel besser. Albern. Zwei Jahre später musste der Bassist die Band verlassen, und weil ich der Bass-Freak war, hat man mich mal angefragt, und die Chance, bei dieser Band mitzuspielen und so den Slap-Bass zu erlernen, wollte ich mir natürlich nicht entgehen lassen.
Aber musikalisch war das ansonsten ein eher wüstes Jahr, damals sind Modern Talking so richtig fett abgegegangen, und da konnte man einfach noch nicht drüber lachen. Überhaupt war der Mainstream-Sound schon damals extrem weichgespült, aber es gab ja auch Hoffnungsschimmer, wie z.B. die "Spermbirds"’ aus Kaiserslautern. Und der lustige deutsche Punk stand ja auch schon in seiner ersten Blüte, sozusagen als Nachfolger der leider viel zu schnell kommerzialisierten NDW. Ich erinnere mich noch an Bands wie die "Walter Elf" und natürlich "Die Ärzte" und "Die Toten Hosen", die ihre ersten Erfolge feierten, damals aber meistens noch weitab der Charts.
Wenn man sich heute die Musikszene der damaligen Zeit anschaut, dann fällt auf, dass diese v.a. durch die NDW geprägt wurde. Was führte dazu, dass ihr dann „ausgerechnet“ eine Rock`n`Roll Band gründetet?
Ganz klar der Einfluss der damals extrem populären "Stray Cats", die waren definitiv die Initialzündung. Und mir persönlich hat an der band neben den Songs vor allem diese ursprüngliche Energie so gut gefallen. Auf dem vorher schon erwähnten Festival hatten alle Bands riesige technische Anlagen am Start, man war damals ja schon sehr technikbegeistert, und dann kamen diese drei Typen mit Minimalausstattung und haben alle Bands weggeblasen, und damit auch mein Gehirn durchgepustet, denn es geht nicht darum, wie gut man spielt oder wie groß der Verstärker ist (wobei ich heute sage, dass laute Verstärker auf jeden Fall Spaß machen), es kommt nur auf deine Energie an. So gesehen war das dann ja auch wieder ein direkter Einfluss der NDW, denn die hatte ja zumindest am Anfang auch diesen Ansatz (siehe auch das Buch "Verschwende deine Jugend).
Und wenn dich ein Sound an den Eiern packt, stellt sich nicht die Frage nach dem Warum, oder?
Nach 23 Jahren Bandgeschichte hat der Erfolg euch recht gegeben. Aber wie waren die Reaktionen gerade zu Beginn in der Metropole Aschaffenburg?
Naja, Erfolg ist ja ein recht relativer begriff, aber ich gebe dir dahingehend recht, das die Tatsache, das eine Band, die seit 23 Jahren ein Musik wie Rockabilly spielt, immer noch da ist, schon als erfolg gewertet werden kann. Und uns bedeutet vor allem der Respekt, den wir dafür inzwischen bekommen sehr viel. Tatsächlich zählt das für uns mehr als Chartsnotierungen, denn das ist ja nur virtuell.
In Aschaffenburg selbst hat man sich am Anfang ein wenig schwer mit uns getan, die paar Rockabillies, die es gab, haben schon drauf gestanden, und auch sonst war das Thema in manchen Szenekreisen zeitweise etwas hipp, aber vor allem die Rockmusikerszene hat in Boppin’B eher einen vollkommen chaotischen Haufen von Trinkern gesehen, denn tatsächlich haben wir damals häufig unsere karge Gage durch intensive Nutzung des Freigetränkeangebots aufgebessert.
Ihr habt in etlichen Interviews immer wieder betont, dass ihr das ganze Szene- und Schubladendenken ablehnt. Gab es aber vielleicht doch mal eine Zeit, in der ihr es euch gewünscht hättet, von einer Szene vollständig akzeptiert oder besser hofiert zu werden?
Also ich spreche jetzt mal von meinen persönlichen Erfahrungen: Ich war vollkommen geschockt, als ich mit der Band das erste Mal auf einem sogenannten Meeting gespielt habe, denn ich hatte bis dato gedacht, das es toll abgehen müsste, wenn man nur für Leute spielt, die auf diesen Sound stehen. Wenn sie nur uns abgelehnt hätten, hätte ich das noch verstanden, aber tatsächlich war die Stimmung bei allen Bands sehr mäßig, die Typen waren nur cool und an ihrer Selbstinszenierung interessiert, das war so was von abtörnend, na ja, und diese Erfahrung hat sich dann mehrfach wiederholt, so das mein Interesse an dieser Art von Szene doch sehr stark nachgelassen hat. Aber in den letzten Jahren hat sich da doch einiges getan, klar es gibt immer noch die obercoolen Stinkstiefel und Meinungsdiktatoren, aber es kümmern sich nicht mehr so viele um deren Meinung, viele Leute wollen inzwischen einfach auch mal ne gute Party feiern und abrocken, und mal ehrlich: Was ist falsch daran? Und genau für solche Leute wollten wir auch immer spielen, Leute, die abgehen wollen, und ihre Scheuklappen im Keller abgelegt haben. Und da war es mir (uns) immer egal, wer da unten steht, denn ich habe keine Berührungsängste von andere Szenen, bei uns darf jeder abfeiern, solange er nicht Scheiße abgeht.
Durch die Selbststilisierung als Scheisskapelle habt ihr in meinen Augen mehr als nur bewiesen, dass ihr Humor habt und über euch selbst lachen könnt. Wie definiert ihr noch Humor?
Ich denke, über Humor sollte man nicht zu viel nachdenken, er sollte sehr spontan sein, und im Idealfall nicht andere verletzen. Klar, nicht jeder kann über alles lachen, aber auch da sollte man locker bleiben, und zur Not einfach weghören. Aber wie du schon geschrieben hast, der Königsweg des Humors ist für uns die Selbstironie, so bewahrt man sich auch einen gewissen Abstand zum eigenen Tun, und das ist oftmals sehr hilfreich.
Und ich finde nach all den Jahren, dass Humor nicht an Nationen gebunden ist, denn die uns Deutschen oft nachgesagte Humorlosigkeit habe ich auch schon bei so vielen anderen Nationalitäten erleben dürfen. Humorlose Idioten gibt’s nun mal überall.
Nennt bitte zwei Personen aus dem öffentlichen Leben, die für euch humorlos sind (mit Begründung).
Pierre Brice, der ehemalige Winnetou-Darsteller. Wie humorlos der auf die Parodie von Bully reagiert hat, das war schon peinlich.
Stefan Raab, der sich wirklich nur über andere lustig machen kann, und beleidigt ist wie ein kleiner Bub, wenn man ein Späßchen über ihn macht, oder er mal nicht gewinnt. Eigentlich schade, denn als wir ihn vor langer Zeit mal bei VIVA kennengelernt hatten, war das noch ganz anders.
Zur neuen CD: Wenn ich mir die Songauswahl anschaue, stelle ich fest, dass auch auf diesem Album viele Songs unterschiedlicher Musikrichtungen (von Green Day bis Genesis) von euch neuinterpretiert werden. Wie muss ich mir die Entstehungsgeschichte von Rock N Roll Radio vorstellen? Bringt da jeder seine Lieblingslieder die seiner Cousine mit und dann wird im Losverfahren entschieden?
Im Allgemeinen läuft das eher so, das einer in der Band mit der Idee kommt, diesen oder jenen Song zu covern, wir das Ganze dann auszuprobieren, und wenn es funktioniert, dann auszuarbeiten. Tatsächlich haben wir schon ewig viele Songs ausprobiert und für unsere Zwecke als unbrauchbar verworfen, denn es sollte schon irgendwie rund klingen. Einfach nur die bekannte Nummer XY mit Kontrabass spielen, das geht oft schief, wie man leider bei manchen Bands hören kann, wobei natürlich auch klar ist, dass so etwas natürlich Geschmackssache ist. Und da wir das nun auch schon oft gemacht haben, schauen wir inzwischen auch darauf, uns nicht selbst zu wiederholen und die Songs nur schneller oder im Off-Beat zu spielen. So ist es z.B. auch zur Version von "I can’t dance’ gekommen. Eigentlich hasse ich die Nummer ja wirklich, aber in unserer Version finde ich sie richtig nett
Wie sind die bisherigen Reaktionen der Medien / Fans auf euer neues Album? Und euer eigener Eindruck?
Die Fans reagieren sehr positiv auf das neue Album, vor allem, weil es auch unsere aktuellen Live-Konzerte sehr gut repräsentiert. Und bei den Medien konnten wir feststellen, das die Mainstream-Medien ohne große Plattenfirma leider kaum reagieren, aber dafür vor allem von Seiten der Medien, die wir selbst schätzen (Mags und Radio), dieses Mal sehr viel positive Reaktion kommt. Für uns ist das ein Schritt in die richtige Richtung.
Und für uns selbst ist das Album ein wichtiger Schritt nach dem sehr poporientierten "Bop around the pop’-Album gewesen, einfach um klarzustellen, dass dies nur eine Facette von Boppin’B war.
Sind für euch die Verkaufszahlen sehr wichtig oder konzentriert ihr euch dann doch lieber auf eure Endlostournee?
Ich will nicht lügen, Verkaufszahlen sind wichtig, um die Unkosten für die Produktion wieder hereinzuspielen, aber inzwischen weiß man ja schon, das die allermeisten Künstler mit den Plattenverkäufen nicht mehr wirklich Geld verdienen, und deswegen geht inzwischen jeder wieder auf ausgedehnte Tourneen.
Für uns war und ist das nichts neues, unser Brot war und ist schon immer der Live-Auftritt, und das hat uns glücklicherweise ja auch immer richtig Spaß gemacht, da sind wir richtig Old School, denn eigentlich mögen wir keine Playback-Fernsehshows, nen vollen Club zu rocken macht einfach glücklicher.
Seit beinahe 25 Jahren spielt ihr durchschnittlich 200 Shows im Jahr. Bleibt da Zeit für Familie, Freunde, teure Hobbys?
Für die Familie und die Freunde bleibt leider nicht immer so viel Zeit wie man sich wünscht, aber wenn ich mich so umhöre, bei meinen Kumpels, die "normal’ arbeiten gehen, dann sagen die das auch, also sollte man das wohl relativ sehen. Klar, ich bin oft am Wochenende weg, aber dafür habe ich nun einmal unter der Woche mehr Zeit, und konnte meine beiden Jungs bei ihren schulischen Problemen unter die Arme greifen, das dürfte dem Nine-to-five-daddy schon schwerer fallen, zumindest konnte ich das in meinem Unfeld beobachten.
Was das Hobby betrifft: Tatsächlich ist mein Beruf immer auch noch mein Hobby, und wenn ich ehrlich bin, hätte ich manchmal gerne mehr Zeit zum Üben oder Songschreiben.
Nehmt Stellung zu der Aussage, dass man nicht zwangsläufig eigene Lieder komponieren muss, um seine musikalischen Wurzeln zu hinterlassen?
Ich glaube das populärste Beispiel hierfür dürfte Elvis sein, Hat der Mann von den hunderten von Songs, die er aufgenommen hat, auch nur einen selbst geschrieben: Mir fällt nicht einer ein, und über die Bedeutung von Elvis muß man hier ja nun wirklich nicht referieren.
Aber auf der anderen Seite: Es ist einfach genial, wenn sich das Publikum eigene Songs wie z.B. "Mädcheninternat’ oder "Take me away’"(vom neuen Album) wünscht und mitsingt, das ist schon etwas ganz Besonderes.
Das Schlusswort gebührt dir:
Lebt locker, feiert fett, rockt richtig!
Tour-Termine
         
So  01.Juni  2008 D-64289 Darmstadt, Schlossgrabenfest Link
Sa  07.Juni  2008 D-63263 Neu Isenburg, open-doors-Festival Link
So  08.Juni  2008 D-66869 Kusel, Stadtfest
Sa  14.Juni  2008 D-78166 Donau Eschingen, F�rstenberg-Brauerei-Fest
Sa  21.Juni  2008 D-55116 Mainz, Johannisnacht Link
So  22.Juni  2008 D-54290 Trier, Altstadtfest, 18:00 Uhr Link
Fr  27.Juni  2008 D-55411 Bingen, Bingen-swingt Link
Sa  28.Juni  2008 D-99817 Eisenach, Wandelhalle Link
Do  03.Juli  2008 D-34486 Korbach, Altstadt-Kulturfest
Fr  04.Juli  2008 D-56068 Koblenz, Altstadtfest
Sa  05.Juli  2008 D-32257 B�nde, Stadtfest 20:00 Uhr
So  06.Juli  2008 D-34346 Hannoversch M�nden, Stadtfest
Sa  12.Juli  2008 D-35035 Marburg, 3TM Link
Sa  19.Juli  2008 D-53359 Rheinbach, Classics Link
Do  07.August  2008 CH-xxxx Hergiswill, Lakeside-Festival
Fr  08.August  2008 D-26215 Wiefelsfelde, Night-Festival
So  10.August  2008 D-91438 Bad Windsheim, Weintor-Open-Air
Do  28.August  2008 D-78048 Villingen-Schwenningen, Scheuer-open-air
Fr  29.August  2008 D-57392 Schmallenberg-open-air
So  31.August  2008 D-63739 Aschaffenburg, Stadtfest

Interview: Sven Dehoust - 07.06.2008

Feedback