Konzert Review

Das Fährmannsfest 2006
 
   

Der Fährmann setzt über
Tag 1
04. August 2006: Den Auftakt machten die Grungerocker Schizo. Leider hatte es zuvor ausgiebig in Hannover geregnet, so dass der Platz am Weddingufer, dort wo Ihme und Leine zusammenfließen, recht überschaubar war. Das nennt man Pech. Deshalb wäre es nicht besonders fair an dieser Stelle eine Konzertkritik über diese Band abzugeben. Jedoch strömte bereits das Partyvolk langsam über die Brücke von der anderen Uferseite, wo das „Fährmanns Kinder-Kulturfest“ ausgerichtet wurde.
Angefangen 1999 mit einem kleinen Zirkuszelt gab es diesmal bereits eine große Halfpipe mit BMX und Skateshows, sowie viele andere Attraktionen für Kinder und Jugendliche. Der moderate Eintrittspreis von EUR 3,50 diente eher als symbolische Schutzgebür nach dem Desaster der Chaostage 2000 in Hannover, die leider seinerzeit auf das „Rock gegen Rechts“ Fährmannsfest trafen. Das Festival ist aber schon seit 23 Jahren aktiv und vor allem für sein Liveprogramm bekannt.

In diesem Sinne ließ es die Lehrter Band Engelhai richtig krachen. Peppige und vor allem sinnvolle deutsche Texte mit schönen Grooves rocken auf das Heftigste. Das Ganze liegt so zwischen Rage against the Machine und den Ärzten könnte man sagen, aber auf jeden Fall eine gelungene Mischung verschiedenster Stile im eigenen Gewand. „Entschuldigung, dass wir stör´n“ ist auch auf track4.de als eindeutige Einladung zu nehmen. Live sollte man diese Band nicht verpassen!
Und dann kam Donnerkopf mit ihrer „Krachmaschine“. Sehr laut, sehr schnell, schön brutal und mit Witz bei der Sache. Die kleine Truppe um Frontmann Henny Wolter setzt eindeutig auf die vertrauten Tugenden ihrer Vergangenheit als Schwermetaller Thunderhead. Eigentlich ist hier die Rede von genau den drei Kernmusikern dieser deutschen Metal Band, nur eben, dass nun die Freude an der deutschen Sprache („ich Godzilla – du New York“) und die schönen Seiten des Punk entdeckt werden. Zugaben mussten da allemal gespielt werden, und das nicht zu knapp. So gab es dann auch noch den Hit „young and useless“ für ihre traditionellen Fans zu hören.

"Donnerkopf" Henny Wolter
Eine bittere Träne gab es allerdings doch noch, denn wie wir erfahren mussten, verlässt Drummer Alex die Band aus privaten Gründen. Hier also der Aufruf: Wenn du Schlagzeuger bist und Doublebase kein Fremdwort für dich ist, dann bewirb dich bei www.donnerkopf.de


La Vela Puerca *
Headliner und absoluter Partygarant war am ersten Abend La Vela Puerca aus Uruguay und mittlerweile mehrere Tausend Besucher tobten auf der Wiese. Gerade von ihrer Argentinien-Tournee in Europa gelandet spielt die achtköpfige Ska-Formation kreuz und quer nahezu alles an Festivals was es derzeit in deutschen Landen zu feiern gibt. Da ist dann auch Hannover Pflichtprogramm. Sichtlich entspannt genoss die Band den ausladenden „Ibiza-Strandcafe-Backstagebereich“ vor dem Gig. (Hier nochmal ein besonderes Lob an das Planungsbüro.) Entsprechend gutgelaunt feierten mit südamerikanischem Flair die Stars mit dem Publikum ihr Zehnjähriges. Wer „La Vela Puerca“ noch nicht kennt, dem sei gesagt, das ist ein echtes Highlight! Die aktuellen Konzerttermine findet ihr hier: www.velapuerca.com/
Tag 2:
Gleich zwei track4.de Bands spielten die Wiese voll: Rotz auf der Wiese :) klingt irgendwie passend und macht ordentlich Pogo - schwerer Job gegen Wetter und Nachmittag. Gefolgt von Jamie and the magic Torch Song ...der gebürtige Brite Jamie Gray setzt auf New Wave im Britpop Gewand und kann das auch live mit Band hervorragend transportieren. Mit ausgefallener Stimmpräsenz und jeder Menge Charme weiß Jamie wie man das Publikum auf seine Seite zieht. Ein bisschen Androgynität gehört dazu und ist Programm. Auch seine weiblichen Fans zeugten davon, dass auch das angesagt ist. Unser Anspieltipp: „Alone“.

Eat the Gun das sind vier Münsteraner, die offenbar alle schon in einer Rock n‘ Roll-Wiege zur Welt kamen – mit einer Flasche Whiskey in der einen und der Gitarre in der anderen Hand. Es wird gepost was das Zeug hält, die Soli schnell und schmutzig und die Rhythmusfraktion tritt in den Hintern. Spielfreude und Energie springen sofort über und es wird von Anfang an getobt bis der Arzt kommt. Da bleibt es nicht aus, dass lauthals Zugabe gefordert wird.


Tiefenrausch
Im Anschluss: Tiefenrausch aus Hannover täuschten im gepflegten Outfit gekonnt an und überzeugten mit einem richtigen Brett und tollem Groove zu deutschen Texten. Da blieb im Partyareal kein Auge trocken und die Zapfhähne im Übrigen auch nicht. Die Gewinner des letzten Sixpack Samplers haben kurz gezeigt, dass sie auch live können. Schöne Show mit viel Power.
Genau der richtige Einstieg für die Schröders („Frösche weinen nie“). Sie sind bundesweit eine Institution in Sachen deutschsprachiger Punk Rock und setzen einfach auf Spaß und Stimmung. So auch hier als Headliner, mit ihren Radiohits zum mitsingen und feiern vor fast ausverkauftem Platz. Die muss man einfach live erleben!
Der Gute-Laune-Tag 3:
Den lockeren Einstieg für den Nachmittag machten die Berliner Ballet Zebola mit ihren African Drums bei strahlendem Sonnenschein. Genau das Richtige für ein multikulturelles Festival mit bunten Ständen, denn Sonntag heißt „umsonst und draußen“ auf dem Fährmannsfest. Insgesamt war das Programm an diesem Tag deutlich jugendlicher orientiert, das lag vielleicht auch daran, dass das vorgeschaltete Kinderfest auch eine Menge für junge Familien geboten hat.

Die Schroeders
Die Teens zieht es jedenfalls zum Hip Hop, so dachten sich die Veranstalter, und servierten sodann zwei Rapcrews. Hannover Robust hat neben der Performance auf der Bühne noch ein wenig mehr Hip Hop Feel verbreitet und ein bisschen gesprüht was das Zeug hielt. Benjie & Riddim Squad „die Förderation“ legten eher eine gewollte Parodie im Rastafari Style hin und brachten den Platz kurzerhand zum tanzen und brodeln. Satter Sound Jungs!


Treibhaus **
Gegen Abend wurde es wieder härter. Treibhaus machten ordentlich Wind mit ihrer Rammstein Persiflage. Die auf der Bühne entfesselte Menschmaschinerie um Frontmann und Körperkünstler Curt Doernberg (Ex-Donnerkopf) verbreitete schnell gute Laune: „Liebst du Treibhaus, schenk sie deinen Freunden – hasst du sie, schenk sie deinen Feinden!“ Laut und mit einer Portion Selbstironie zitierten Sie mit ihrem Donner das aufziehende Unwetter herbei, der Himmel zog sich zu.
Glücklicherweise blieb es trocken. Headliner waren am letzten Abend die Superstarfuckers. Seit Sommer 2002 beackert das Quartett aus Hannover die Clubs und Festivalbühnen der Republik mit ihren eigenwilligen und sehr harten Interpretationen flutschiger Titel aus den Achzigern. Songs von Duran Duran, Spandau Ballet und Depeche Mode etc. klingen plötzlich so, als ob sie von Limp Bizkit und RATM durch den Wolf gedreht werden. Das diese etwas andere Coverband sich dabei offensichtlich nicht ganz ernst nimmt, wird vom Puplikum entsprechend honoriert und führte auch auf dem Fährmannsfest 2006 zur Hochstimmung am Weddingufer. Bleibt zu sagen: Party pur.



Sensationeller Backstage Bereich
Anschließend wurden noch die Graffitti Arts „aus der Dose“ der Rapcrew Hannover Robust für einen guten Zweck versteigert. Die Bilder wurden im Zuge des Events natürlich erst am Nachmittag vor Publikum spontan gesprayed. So fand „bunt statt braun“ wieder zu guter Letzt den interaktiven Abschluss und die Besucher schlenderten zufrieden durch die umliegenden Kleinkunstbühnen und -Stände in das verbliebene Nachtleben.

Fotos: Ringewald / *Torres / **Treibhaus / Bericht: om. 07.08.2006

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