Wave Gotik Treffen Leipzig 2008
FESTIVALBERICHT
XVIII. Wave Gotik Treffen (WGT) in Leipzig vom 09.05.-12.05.2008

Alle Jahre wieder zu Pfingsten wird Leipzig geflutet von zigtausenden mehr oder minder schwarz gewandeten Personen. Alle Jahre wieder findet das Wave-Gotik-Treffen statt. Die Stadt und ihre Einwohner sehens gelassen, bringen die "Gothics" doch in der Regel vor allem gute Laune (und viel Geld) mit. Schon als Besucher ist es in der Regel ein beeindruckendes Schauspiel und dieses Jahr durfte ich dem Schauspiel als Fotograf ein bisschen intensiver beiwohnen. Für viele der Besucher ist der "Treffen"-Gedanke wichtig, man trifft alte und neue Freunde und Bekanntschaften aus Deutschland und dem Rest der Welt. Andere nutzen auch schlichtweg die Chance, für eine -vergleichsweise- geringe Menge Bares (für den Eintritt zumindest ;-) ) ein gigantisches Programm besuchen zu können. So waren an die 160 Special Acts angekündigt, davon waren nicht alle, aber ein Gutteil konzert-technischer Art.
Festival ist in der Regel auch äquivalent zu "Zelten", was Anfang Mai eventuell ein gewagter Akt ist. Unerwartet sonnig und warm präsentierte sich jedoch gerade jener Punkt, nicht ein Tropfen von Donnerstag bis Dienstag ist schon bemerkenswert (und nicht vom Regen fortgespült zu werden ist ein erstaunlicher Motivationsfaktor). Frohe Mutes also bezog man Donnerstag abends sein Quartier, und freute sich auf ein volles Programm.

Schon bald gab es allerdings die ersten Enttäuschungen, denn im "Pfingstboten", dem gebundenen Programmführer rund um das Festival fehlte die -sonst beigelegte- Silberscheibe. Ein Pappkarton vertröstete einen auf Juni, dann solle man gegen einen Gutschein die CD anfordern können. Mag man nur hoffen, dass das eine einmalige Panne war .... (das gute Wetter entschädigte Vieles ;-) )


Freitag

Sigue Sigue Sputnik

Der Freitag zog mich hauptsächlich in die Agra-Halle auf dem Hauptgelände. Die Verteilung der Locations über einen Großteil des Stadtgebietes erlaubt leider wenig Flexibilität für allein arbeitende Berichterstatter.
Der Tag begann mit Sigue Sigue Sputnik, einer "Cyber-Rock'n'Roll-Punk"-Band aus England, über die im Allgemeinen gemunkelt wird, dass ihnen ihre Show wichtiger sei als ihre Musik. Ihr extravagantes Auftreten hat ihnen in mancher Publikation den Spitznamen "Sick Sick Sputnik" eingetragen und ich muss gestehen, dass mein erster Eindruck ähnlich war. Aber man soll ja nichts verschmähen lassen.

Das Ich

Direkt danach trat dann auch mit Das Ich eine der eingefleischten Bands der Szene auf. Mit 7 WGT-Auftritten waren sie von Anfang an dabei, zuletzt 2005. Diesen Umstand wollten Bruno Kramm und Stefan Ackermann den Zuschauern nicht vorenthalten und freuten sich über viele neue Gesichter. Das Konzert selbst war definitiv eins der besten des Festivals: Die gute Stimmung war fast greifbar und der Auftritt war leider allzuschnell vorbei. Insbesondere alte Lieder (z.B: "Uterus" und "Kindgott") wurden präsentiert, die Fans freute es und am Ende gab es dann noch den Clubhit "Destillat" auf die Ohren.

Unheilig

Wenige Tage vor dem Festival ließ der Graf ausrichten, der Auftritt beim WGT wäre nun doch möglich. Irgendwo auf der Deutschlandtour fing sich der Ausnahmekünstler eine schwere Grippe ein, die sich vor allem auf seine Stimmbänder negativ auswirkte. Die Befürchtung stand, dass die Stimmbänder so überstrapaziert wären, dass der Graf eventuell nie wieder hätte singen können. Ein bewegend emotionaler Empfang war Unheilig sicher und Tausende Fans unterstützten ihr Idol bei seinem ersten Auftritt nach der Krankheit.
Der Graf fing mit seiner charismatischen Stimme die ganze Halle ein, die von unzähligen Leuchtstäben erhellt war. Die Halle freute sich über viele Klassiker wie "Willenlos", "Vollmond" und am Ende "Tick Tack" und "Freiheit". Kaum jemand schien den Text nicht zu kennen und so war es Alles in Allem ein großartiges Konzert mit viel Stimmung.

Blutengel

So gut das vorhergehende Programm war, so viel lief bei Chris Pohl's Hauptprojekt Blutengel schief. Die Technik fiel auf Seiten der Bandmitglieder komplett aus, sie hörten sich also selbst nicht. Bedenkt man diesen Punkt, so lieferte das Ensemble doch ein ersaunlich gutes Konzert ab, denn einen kompletten Auftritt einmal blind durchzuziehen würden so souverän nur wenige Bands schaffen. Mag das Projekt auch in der "Szene" noch so umstritten sein, gebührt Pohl dafür doch ein gewisse Respekt für diese nicht zu unterschätzende Leistung.


Sigue Sigue Sputnik

Stefan Ackermann (Das Ich)

Der Graf (Unheilig)

Chris Pohl (Blutengel)


Jäger90

Reaper

Cyborg Attack

Elena Alice Fossi (Spectra Paris)

Erk Acraig (Hocico)

Eskil Simonsson (Covenant)

Samstag

Jäger 90

Samstag war definitiv Electro-Tag und ging auch gut los mit Jäger 90. Die Rostocker Formation hat sich "Muskeln, Sex und EBM" verschrieben und das hört man auch ganz klar raus. Zumindest auf Platte. Das Konzert selbst konnte die Stimmung der Songs nicht ganz rüberbringen, allerdings besserte sich das mit der Zeit. Ich erwarte zumindest, noch mehr von Jäger 90 zu hören und ihren herrlich retro anmutenden Sounds, ihr neues Album "Muskeln & Küsse" jedenfalls lässt dies vermuten. Trotz eines mittelmäßigen Konzerts deshalb hier der Tipp für Freunde klassischen EBMs; Unbedingt anhören ;-)

Reaper

Weiter ging es mit Reaper, einer mir vorher unbekannten Band, die jedoch zumindest von der Stimmung her zu überzeugen wusste. Frontmann Vasi Vallis stand kaum einen Augenblick still und die Combo spielte schön dreckigen Electro-Industrial. Definitiv hörbar, sowohl digital als auch live und in Farbe. Anspieltipp an dieser Stelle: "She's a Devil and a Whore"

Cyborg Attack

Mit einem ähnlich ausgerichteten Programm kamen als Nächstes Cyborg Attack aus Chemnitz/Leipzig auf die Bühne. Ebenfalls ein sehr dynamischer Auftritt, sehr viel Power und gute Stimmung versprachen einen guten Tag. Viel zu früh verließen die Drei die Bühne wieder, aber hinterließen bleibenden Eindruck. Gut gefallen haben mir zum Beispiel die Stücke "Stoerf***TOR" und "Blutgeld"

Spectra Paris

Elena Alice Fossi, bekannt als zweiter Kopf der Kultband Kirlian Camera begegnete mit ihrem aktuellen Projekt Spectra Paris durchaus einem gewissen Interesse. Gut ein Vietel der Agra-Halle war neugierig auf das WGT-Debüt der Combo. Mag die Musik nun auch nicht direkt meinen Geschmack treffen, so brachte Fossi als Sängerin ihr Statement durchaus rüber. Mit Songs wie "Spectra Murder Show" kann man sich sicherlich mal einen gemütlichen Abend im heimischen Wohnzimmer machen, in der weitläufigen Agra-Halle jedoch wirkte die Band etwas verloren. Am besten gefallen hat mir die Adaption des Klassikers "Mad World"

Hocico

Einer der Höhepunkte am Samstag sollte der Auftritt der Electro-Combo Hocico sein. Mit drei "Azteken in Lebensgröße" und netten Effekten leiteten die Mexikaner ihre Show ein. Auch Erk Acraig stand kaum einmal still und fegte fast das komplette Konzert wie ein Wirbelwind über die Bühne. Insbesondere vom diesen Jahr erschienenen Album "Memorias Atrás" wurde gespielt, aber auch einige Klassiker kamen zur Geltung. Definitiv eins der besseren WGT-Konzerte dieses Jahr.

    
Hocico

 

Covenant

Der Tag lief so gut, doch wieder enttäuschte der Headliner. Zwar brachten Covenant viel gute Stimmung mit, jedoch war diese offensichtlich ein wenig zu gut: Merklich angetrunken vergaß Frontamn Eskil Simonsson ganze Textpassagen, vertauschte Zeilen oder sang schlichtweg falsch. Damit nicht genug war der Auftriit auch im Ganzen irgendwie nicht durchgeplant, denn einige Uralt-Lieder welchselten sich scheinbar wahllos mit weniger beliebten Songs ab, und hier und da gab es dann auch mal einen Lichtblick. Insgesamt hinterließen die drei Schweden einen eher negativen Eindruck, der höchstens durch einen Ausblick aufs nächste Album etwas aufgeweicht wurde. Eigentlich schade drum, vielleicht wirds ja nächstes Mal besser.

    
Covenant

 


Sonntag

Sonntag war Krach angesagt und so verbrachte ich den Hauptteil des Tages auch im Werk II am Kreuz Connewitz, die schon länger berüchtigt für ihre etwas beengte Atmosphäre ist. Zwar ist der Sound um Längen besser als in der Agra-Halle, dafür lässt das Gebäude eine durchdachte Lüftung vermissen. Sei's drum, man kann ja zwischendurch an die frische Luft und an sich macht die Enge auch einiges vom Flair aus ;-)

Noisuf-X

Der Konzert-Tag fing viel versprechend an mit der Formation Noisuf-X. Den hohen Erwartungen konnten sie durchaus gerecht werden und beglückten das Publikum mit Songs wie "Jezebel", "Tinnitus" und "Hit me Hard". So machen Konzerte Spaß. Xotox spielte sich schonmal als Gast warm.

Nullvektor

Mit Nullvektor betrat das Ein-Mann-Rhythm'n'Noise-Projekt um Stefan Böhm die Bühne. Noch deutlicher als bei den "beliebten" Noise-Projekten konnte man als unbeteiligter Zuschauer den Eindruck gewinnen, dass hier jemand wahllos zwischen ominösen Radiosendern hin- und herschaltet. Das Publikum nahm's gelassen und ließ sich treiben, entweder in oder vor die Halle. Für Liebhaber entsprechender Musik dürfte das aktuelle Album "Electrophrenique" ein netter Tipp sein, so richtig familientauglich ist das Ganze allerdings nicht ;-)

Bahntier

Bedeutend weniger phlegmatisch präsentierte sich mit Bahntier eine Band, die einen spontan nach den Männern mit den weißen Kitteln Ausschau halten ließ. Dafür kann man ihnen nicht nachsagen, keine gute Show abgeliefert zu haben :-)
War die Band früher noch mehr Noise-orientiert, driftet sie derzeit ein wenig in den Industrial- und Electro-Bereich ab. Fand ich persönlich nun nicht so schlimm, und auch vom Publikum blieben erheblich mehr an Ort und Stelle vor der Bühne. Die Musik für sich zumindest machte durchaus Lust auf mehr. Sollte bei einem der späteren Gigs des

Northborne

Pünktlich zur besten Tagesschau-Zeit betrat dann Northborne die Bühne, auf die ich im Voraus schon irgendwie neugierig war. Die beiden Norweger konnten diesen auch entsprechen und setzten sich gut in Szene. Insbesondere Christian Lund als zeitweiliges Mitglied bei Icon of Coil machte von sich reden, und auf der letzten Combichrist-Tournee mit dem sprechenden Namen "What the f**k is wrong with this tour?". Vor etwas mehr als einem jahr erschien ihre EP "Force it" bei Out of Line und der positive Eindruck vom Silberling setzte sich auf der Bühne fort. Sehr zu empfehlen.

Xotox

Nach viel zu langen Warten kam dann auch endlich der lang ersehnte Co-Headliner für diesen Abend: Xotox. Im Vergleich zu dem Konzert in Hannover (track4 berichtete) war das Programm ein bisschen mager, aber dennoch sehenswert. Macht sich eben doch bemerkbar, wenn man nur eine Stunde hat statt zwei oder gar zweieinhalb. Das Publikum jedenfalls störte sich nicht so richtig daran und machte ordentlich Druck. Einzelne Personen mussten wegen akuter Atemnot die Halle verlassen, was eigentlich für die Stimmung spricht. Trotz der kurzen Zeit ein super Auftritt mit viel Dynamik.

Straftanz

Dem Gros der Besucher darf wohl frohgemut die Kenntnis von nur einem Lied der Band Straftanz zugeschrieben werden, und das heißt wie die Band selbst. Die Combo aus Nordrhein-Westfalen präsentierte allerdings durchaus mehr Songs, unter anderem auch die neue Single "Tanzt kaputt, was euch kaputt macht" .
Mitten im Konzert ging der Frontmann k-x dann auch ins Publikum und ließ sich feiern. Nachdem er wieder zurück auf der Bühne war, brachte er nach und nach auch mehr Gäste mit ins Konzertgeschehen ein, und zwar seine scheinbar obligatorischen so-gut-wie-nackten Tänzerinnen und beim lang erwarteten "Straftanz" auch den Sänger von XP8. Das Motte des Abends war ganz eindeutig "Dies ist eine Tanzveranstaltung, also tanzt, gottverdammt" und so neigte ein langer Festivaltag sich erstmal dem Ende zu.


Straftanz

 


Nullvektor

Bahntier

Northborne

Xotox

Straftanz

Dunkelschön

Miss Construction

Spetsnaz

Alea (Saltatio Mortis)

Faun

Corvus Corax

Montag

WGT-Montag ist klassischerweise auch Mittelalter-Montag. Alle Bands, die die ganzen Tage über im Heidnischen Dorf und auf der Moritzbastei gespielt hatten, durften die große Bühne der Agra-Halle entern und als Headliner kamen dann üblicherweise die "etwas" größeren Bands dazu.

Dunkelschön

Wie dem auch sei, ich nutzte die günstige Gelegenheit, mir mal Dunkelschön anzuschauen, denn im Heidnischen Dorf war ich dieses Jahr leider so gut wie gar nicht. Mit eher akustischer als elektronischer Besetzung passten die 5 Jungs und Mädels auch wunderbar in die allgemeine Stimmung und präsentierten ein abwechslungsreiches Konzert.

Miss Construction

Wenig neugierig auf das neue Projekt "Miss Construction" von Chris Pohl war ich ja nicht gerade, das Konzert enttäuscht jedoch besonders am Anfang schon. Bis auf die zugegebenermaßen recht gute Hommage an den Klassiker "Hass & Liebe" von Ego wirkte die Show recht aufgesetzt und auch die Songs kamen nicht so recht rüber. Hier gilt ganz klar: Livetauglich ist das so noch nicht, auch wenn die Songs auf CD erhebtlich besser sind.

Spetsnaz

Die nächste Band konnte allerdings zumindest das, oder vielleicht kennen einfach nur genug Leute den Namen. :-)
Die beiden Schweden von Spetsnaz hauten ordentlich auf den Putz und entsprechend freute sich das Publikum. Insbesondere vom Klassiker "Perfect Body" bekam man einiges auf die Ohren, unter anderem dann auch das lang ersehnte "Apathy".

Saltatio Mortis

Mit quietschenden Reifen zurück aufs Agra-Gelände und grade noch rechtzeitig kam ich zu Saltatio Mortis. Ich muss ja gesetehen, kaum eine andere Band hat mich so positiv überrascht auf dem diesjährigen WGT, hatte ich die Jungs doch bisher noch nicht live gesehen. Frontmann Alea ("der Bescheidene") entpuppte sich als wahres Energiebündel, der auch mal eben einen ansehnlichen Spagghat in Brusthöhe hinlegte. Auch musikalisch konnten die Jungs überzeugen, das Publikum kochte fröhlich mit und der Sänger verlustierte sich am Ende und nach dem Konzert noch in der Menge.

    
Saltatio Mortis

 

Faun

Co-Headliner des Abends waren Faun und die machten ihrem Ruf alle Ehre und konnten gute Stimmung rüberbringen. Gleich zu Beginn spielten sie ihr "Drogenlied" [sic!] "Rosmarin" und hatten sichtlich Freude am Auftritt. Die Fans freute es, und die Halle war voll von tanzenden und springenden Paaren. Einzig die Dauer und die berühmt-berüchtigte Agra-Akustik konnte dieses Konzert-Erlebnis trüben.

Corvus Corax

So gut Faun waren, so mittelmäßig präsentierten sich die Spielleute von Corvus Corax. Man merkt der Combo einfach an, dass sie ihr Mittelalter-Projekt mehr zum Geldverdienen weiterbetreiben, denn irgendwie reichte bisher keines meiner CC-Konzerte an die des Neben-Projektes "Tanzwut" heran. So auch dieses Mal und ich verließ enttäuscht irgendwann die Halle, um noch einen geruhsamen Abend am Feuer vor der stressigen Rückreise am nächsten Morgen zu genießen.

            
Corvus Corax

 

Fazit

Selten hat sich mir ein Wave Gotik Treffen so leer präsentiert. Im Gespräch gab der Veranstalter allerdings zu bedenken, dass zwar weniger Zeltplatz-Karten, dafür erheblich mehr normale Festival-Bändchen als sonst gekauft wurden. Wahrscheinlich lag es einfach auch am Termin. Den Unterschied wird man (hoffentlich) spätestens kommendes Jahr bemerken können, denn dann findet das Treffen vom 29.Mai bis zum 01.Juni statt.
Im allgemeinen fährt man aber nicht wegen der (reichlichen) Konzerte nach Leipzig, sondern, um alte und neue Freunde zu finden und wieder zu ... naja, treffen eben. Daran zumindest war kein Mangel und ich freue mich schon auf das nächste Mal, wenn es wieder heißt "Komm, lass uns ins Heidnische Dorf gehen, eben ein paar Liter Met holen" :-)

 


Fotos: Ronald Becher, Bericht: Ronald Becher vom 22.05.2008

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