Konzertbericht Eisbrecher (Musikzentrum 18.09.2008)
KONZERTBERICHT

Konzertbericht Eisbrecher (Musikzentrum 18.09.2008)

Schon einmal war Alexx von Eisbrecher in Hannover live on Stage, ein Umstand, den er auch während des Konzerts ins Gedächtnis rief. Damals (vor recht genau fünfeinhalb Jahren) spielten sie in der Faust vor "grade mal 40, 50 Leuten". Diesmal sollten es mehr werden, und sicherlich nicht nur das kürzlich herausgekommene Album "Sünde" dürfte dazu beigetragen haben, das dem so war. Denn eigentlich seit der ersten Platte erregt Eisbrecher auch Aufmerksamkeit. Jesus on Extasy als Vorband sind eine ähnlich interessante Formation und so freute es, zu sehen, dass Living Concerts dieses schön verschnürte Paket nach Hannover ins Musikzentrum geladen hatte.

Jesus on Extasy

Auch die Jungs und Mädels von Jesus on Extasy mischen die Szene auf ihre Art und Weise auf. Gegründet hat sich die Formation im Ruhrgebiet Anno 2005 mit den Brüdern Dorian und Chai Deveraux als Sänger und Gitarrist und seit Ende 2006 gibt es JOE in “der” Besetzung mit “Alicia Vayne” an der Gitarre, “BJ” an den Drums und “Ophelia Dax”. Letztere ist übrigens auch solo als “Leandra” bereits aufgefallen, zuletzt mit der Tour mit der Letzten Instanz (Bericht bei track4) und der gleichzeitigen Veröffentlichung ihres ersten Albums “Metamorphine” (Rezension bei track4). Bei JOE tobt sie sich statt am Klavier am Keyboard aus. Aber kommen wir zum wichtigerem Teil, dem Konzert selbst :-)
Das Musikzentrum war durchaus voller als üblich und eindeutig war auch ein großer Teil der Zuschauer unter anderem wegen JOE angereist. Bereits nach dem Intro waberte die Stimmung in der Halle. Mit “Drowning” gab es erstmal eins der älteren Stücke auf die Ohren, jedoch “erst” ab “Beloved Enemy” ging die Menge auch richtig mit. Es folgten mit “Change the World” und “Alone” weitere überzeugende Darbietungen. Schön war zu sehen, dass die Musiker auf der Band mit genauso viel Hingabe bei der Sache waren wie das Publikum, dass sie bespielten. “Assassinate Me” folgte als Nächstes und damit der Song, der sie letzten Endes auf weitem Raum auf den Tanzflächen erst bekannt gemacht hat. Auch “Puppet” gilt als Klassiker und eins der Edelsteine des ersten Albums, deshalb wurde es wohl gleich nachgeliefert. Mit “Lies” und “Church of Extasy” ging es dann langsam dem Ende zu, um unvermutet mit “Neochrome” noch einmal richtig Radau zu machen. Mehr Lust als Anhören hat eigentlich nur noch das Tanzen selbst gemacht, und das hat die versammelte Gemeinde dann auch fleißig geübt. Erfreulich insbesondere am Ende, denn “Neochrome” zählt doch eher zu den (für Gothic-Ohren) schwerverdaulicheren Stücken.

Insgesamt war das durchaus ein sehr ausgewogenes Set mit etwa gleichviel Liedern sowohl vom alten Album “Holy Beauty” (2007) als auch vom aktuellen “Beloved Enemy”, das auch noch nicht ganz ein halbes Jahr alt ist.

Ich habe nach dem Konzert noch kurz Gelegenheit gehabt, Ophelia und Dorian noch ein bisschen auszuquetschen zum Thema Musik und Identität. In beiden Fällen war die Aussage der Befragten, dass für sie die Band nicht nur ein Teil ihres Alltags, sondern regelrecht Lebensmittelpunkt geworden ist. Ophelia meinte dazu, dass sie sich auch fast ausschließlich über Musik definieren könne, das sei genau ihre Persönlichkeit und ohne Musik wäre auch das alles dahin. Dorian war es noch wichtig, zu erwähnen, dass er auf der Bühne auch genau er selber sei, und das das auch den anderen Bandmitgliedern so gehe. “Wir spielen nichts, wir sind nur wir selbst”.

Auf jeden Fall wünsche ich dieser bemerkenswerten Combo noch viel Erfolg auf ihrem weiteren musikalischen Weg und dass sie es weiterhin schaffen, diesen mit vollem Herzen zu leben!

Eisbrecher

Gefühlt recht flott ging der Umbau vonstatten und gegen 10 Uhr bestieg der Hauptact die Bühne. Nach einem knackigen Intro stieg Eisbrecher auch gleich in das aktuelle Album “Sünde” (Rezension bei track4) mit dem Titelsong ein. “Kann denn Liebe Sünde sein”? Die Antwort ist natürlich “Nein”, also auf die Zwölf und weiter. Alexx war wie gewohnt anfangs im Navy-Look unterwegs, also Nichts, was bei der versammelten Damenwelt schlecht ankam ;-)
Mit “Angst” wechselte Alexx in die Zeit des Debutalbums. Damals wirbelte Eisbrecher eine Menge Staub auf, weil sie ihrem Album zwei Rohlinge zum Selbst-Brennen beilegten. Sicherlich nicht der ungeschickteste Schachzug, um sich ins Gerede zu bringen, aber die Zeit hat gezeigt, dass das Duo Alexx/Noel mehr drauf haben, als Agent Provocateur zu spielen. “Antikörper” vom gleichnamigen Album von 2006 haute in eine ähnliche Kerbe und auch, wenn es als Song damals ein bisschen neben der Single-Auskopplung “Vergissmeinnicht” verloren war, sich als richtig gut tanzbarer Track erwies. Soweit man das in dem Genre “tanzen” nennen kann natürlich. Für mich war damals genau dieser Song, mit dem sich Eisbrecher in der Neuen Deutschen Härte ernsthaft etablierten, aber nicht als reine Rammstein oder Megaherz-Kopie. Alexx hatte inzwischen die Menge famos in der Hand legte richtig los.
Auch “Phosphor” und “Willkommen im Nichts” zeigten sich als altbekannte, aber nicht minder mitgesungene Stücke und mit “Herzdieb” gab es wieder ein aktuelles Lied. “Leider”, “Alkohol” und “Mein Blut” folgten und Alexx schoss sich weiter auf die Menge ein, machte Witzchen und hatte einfach Spaß. Beim bereits erwähnten “Vergissmeinnicht” gab es natürlich kein Halten mehr seitens des Publikums und nach “Zu Sterben” als Überleitung auf “Schwarze Witwe” ging die Party weiter. Um es so zu sagen: Es wurde warm :-)
Mit “Heilig” und “Venus” war die Vorrunde erstmal absolviert, aber natürlich nur kurz, denn die Zugabe wurde, wie zu erwarten war, sehr stürmisch gefordert.
“This is Deutsch” zündete da genau richtig und nach “Ohne Dich” gabs als letzten Song noch “Miststück” auf die Ohren. Muss man gar nicht erwähnen, dass jeder in Sicht- und Hörweite mitbrüllte.

Großartig und bisher in diesem Genre quasi ungesehen war die Selbstironie, die zwischen den Songs mal mehr, mal weniger deutlich rauszuhören war. Als Bayer im “hohen Norden” bei “This is Deutsch” teilweise in Landestracht (bairischer wohlgemerkt) auf die Bühne zu gehen, darf man schon als gewagt bezeichnen. Als amüsant erst recht. Witzig auch die Schäkereien mit dem Publikum zwischendurch. Da wird schonmal ne halbe Flasche Whiskey ins Publikum gereicht “Aber dass du das nicht nur für dich behältst!”.

Den Mix aus alt und neu fand ich persönlich sehr angenehm, da ich -von einzelnen Liedern mal abgesehen- noch keinen rechten Bezug zum neuen Album aufbauen konnte. In meinen Augen war es eins der Besseren, auf jeden Fall eins der energiegeladensten Konzerte.

Was bleibt noch zu sagen? Das Konzert war super, die Stimmung und der Sound fast durchgehend richtig gut und ich war erst 3 Uhr morgens noch mit Musik im Ohr im Bett. Besseres kann man von einem Konzertbesuch eigentlich nicht erwarten, oder?

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass dies eins der letzten Konzerte mit Alicia Vayne als Bandmitglied von Jesus on Extasy sein sollte. Die Band zieht allerdings die Tour weiterhin durch.

>>> Hier geht es zum Interview mit Alexx


Fotos: Ronald Becher, Bericht: Ronald Becher vom 26.09.2008

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